Planen Sie den Schutz Ihrer Privatsphäre

Planen Sie den Schutz Ihrer Privatsphäre

Wie beeinflussen unsere Verhaltensweisen im digitalen Raum unsere Privatsphäre, und was können wir tun, um uns zu schützen? Um das herauszufinden, sprechen wir mit dem Anwalt Magnus Boyd und der Digital-Anthropologin Rahaf Harfoush.

Wir leben in einer hypervernetzten Welt, in der wir online einkaufen, Bankgeschäfte erledigen, Nachrichten lesen und miteinander kommunizieren. Es fällt einem schon schwer, sich an die Zeit vor dem Internet zu erinnern, bevor Smartphones und Apps alles von unseren Schlafgewohnheiten bis hin zu unseren Essgewohnheiten erfassten; vor Google und der Möglichkeit, Informationen über alles und jeden in einer Nanosekunde nachzuschlagen. Zwar gibt es keinen Zweifel daran, dass die immer raffiniertere digitale Technologie das Leben unendlich erleichtert hat, aber nichts hat unsere moderne Auffassung von Privatsphäre mehr verändert – oder stellt eine grössere Bedrohung für sie dar. Die Themen Datenschutz und Sicherheit sind naturgemäss untrennbar miteinander verknüpft. Dies ist einer der Schlüsselfaktoren, die die Quintet Privatbank als unerlässlich für ein erfüllteres Leben erkannt hat.  

„Interessant ist, dass wir in der Frühphase dieser Technologie davon ausgingen, viele Dinge, die in der echten Welt privat sind, seien es online ebenfalls“, erklärt Rahaf Harfoush, Digital-Anthropologin und Geschäftsführerin von Red Thread, einer Denkfabrik, die an den Schnittpunkten von Technologie, Kultur und Leadership forscht. Als die Online-Kommunikation begann, gab es noch keine prognostischen Analysen. Selbst wenn eine Website also Zugriff auf Informationen über einen hatte, waren diese doch ziemlich begrenzt. Heikel ist, dass die Technologie heute vieles über uns herausfinden kann, ohne unsere aktive Zustimmung einzuholen.“

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Rahaf nennt als Beispiel, eine Frau, die unparfümierte Handlotion, Wattestäbchen und bestimmte andere Gegenstände kauft und durch Triangulation darauf schliessen lassen könnte, dass sie schwanger ist. „Die Reichweite der Technik hat sich vergrössert, aber viele Menschen denken immer noch, dass sie es immer noch mit im Grunde dem gleichen Zugang zu Informationen zu tun haben.“

Das Problem, erläutert Magnus Boyd, Partner bei der auf Datenschutz spezialisierten Anwaltskanzlei Schillings, ist der Aggregationsprozess, den wir nie zu Gesicht bekommen. „Oberflächlich betrachtet erscheint jedes winzige Informationsbruchstück unbedeutend – etwa die Tatsache, dass Amazon mein Geburtsdatum hat, Land Registry meine Adresse und Ocado meine Vorliebe für Jaffa Cakes kennt – aber setzt man sie alle zusammen, so ergibt sich ein detailliertes Bild. Und das ist vielleicht nicht das Bild, das Sie der Welt von sich vermitteln wollen.“ 

Wenn man dann noch bedenkt, dass soziale Netzwerke Daten kaufen, um Genaueres über unsere politischen Zugehörigkeiten, religiösen Überzeugungen, Markenvorlieben und unseren Ehestand zu erfahren, und dass wir unter dem Deckmantel der Sicherheit überwacht werden, dann hat man hat das Gefühl, dass unsere Freiheit langsam ausgehöhlt wird, während wir ahnungslos zuschauen.„Der Schutz der Privatsphäre ist die Grundlage der freien Meinungsäusserung, die für eine freie und demokratische Gesellschaft unerlässlich ist“, so Magnus weiter. „Die beiden Themen sind untrennbar miteinander verquickt: Wenn Reputation das ist, was jemand über Sie denkt, dann ist Privatsphäre das, was man über Sie weissMenschen werden durch die Informationen definiert, die über sie im Umlauf sind, und sie haben nicht immer den Spielraum, die Richtung zu ändern oder sich weiterzuentwickeln.“

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Rahaf ist der Meinung, dass die grösste Einzelerfindung, die unsere Vorstellung von Privatsphäre unterminiert hat, das Smartphone und, verbunden damit, die Zunahme des Trackings ist. Früher konnte die Technologie sehen, was die Leute im digitalen Raum taten, wenn sie sich einloggten, aber jetzt haben die meisten Leute ihre Handys ständig bei sich; so wird getrackt, wohin wir gehen und was wir in der realen Welt tun. Oberflächlich betrachtet, mag dies nur ein Problem der Technologie sein, aber es geht auch um unsere digitalen Gewohnheiten, so Rahaf. „Viele glauben, weil es ein persönliches Telefon mit einem Passwort sei, sei es privat, aber sie bedenken nicht, wer die Gratis-Apps herstellt, die wir herunterladen, und was mit den Daten passiert.“

Es gibt jedoch Anzeichen dafür, dass sich das Blatt in mancher Hinsicht wendet. Einige Apps nutzen nun die Tatsache, dass sie Daten nur auf dem Telefon speichern, als Verkaufsargument, und Apple wird eine neue Funktion „App-Tracking-Transparenz“ einführen, mit deren Hilfe Nutzer das Tracking durch Werbetreibende anwendungsübergreifend blockieren können. Da die Konsumenten immer schlauer werden und das Interesse am Datenschutz wächst, ist es aus kultureller Sicht interessant, wie Unternehmen beginnen, dies zu berücksichtigen. Sehen Sie sich Apple an: Noch vor wenigen Jahren hat sich das Unternehmen durchaus nicht als Datenschutzmarke aufgestellt.“

Natürlich gibt es das Uralt-Argument, wer nichts zu verbergen habe, dem könne es auch egal sein, wenn Informationen über ihn im Internet stünden. Das Gegenteil sei richtig, erklärt Magnus. „Für mich hat Datenschutz mit Selbstbestimmung und Würde zu tun. Ich glaube, dass dies ein fundamentales Menschenrecht ist. Auch wenn Sie vielleicht keine Staatsgeheimnisse hüten, können Sie sehr wohl über Informationen verfügen, die für Sie beschämend oder peinlich wären, wenn sie an die Öffentlichkeit gelangten. Wir alle haben geheimes Wissen über uns selbst und andere, von dem wir vielleicht nicht wollen, dass es unsere Freunde oder Familie erfahren, ganz zu schweigen von geschäftlichen Konkurrenten.“

Wie können wir also verhindern, dass persönliche Informationen über uns in einer solchen digitalen Welt verfügbar sind? „Unsere absolut beste Verteidigung besteht darin, Fragen zu stellen und herauszufinden, was mit den Daten geschieht“, sagt Rahaf. „Wir dürfen es Unternehmen nicht länger leicht machen, unsere Daten auszuwerten“, stimmt Magnus zu. „Es klingt vielleicht abgedroschen, aber Bewusstsein ist das A und O. Wir müssen vorbeugend darüber nachdenken, welche Informationen in den öffentlichen Raum gelangen, den Informationsfluss kontrollieren und alles, was schon draussen ist, bereinigen. Im Big-Data-Zeitalter setzt die Sammlung riesiger Datensätze, die anschliessend gehackt und verkauft werden können, uns alle der Gefahr von Betrug und Identitätsdiebstahl aus. Persönliche Datenschutzplanung ist der einzige Weg, uns und unsere Familien zu schützen.“

 Magnus hat seinen Planungsansatz „Privacy by Design“ genannt. Dieser Begriff wurde erstmals von der kanadischen Informationskommission geprägt und bedeutet, Datenschutz und Privatsphäre schon bei der Entwicklung von Systemen und Produkten zu berücksichtigen. „Im Grunde sollten die Menschen den Schutz ihrer Daten als Standard betrachten“, sagt er. Er beginnt mit einem Audit, damit seine Kunden  potenzielle Datenschutz-Schwachstellen ausfindig machen können – egal ob digital, kommerziell, physisch oder finanziell. Anschliessend nimmt er eine Einschätzung vor, evaluiert, wie wahrscheinlich eine Verletzung der Privatsphäre ist, und ergreift einfache Massnahmen, um dies zu unterbinden.  

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Oft zögern die Menschen, den Schutz ihrer Privatsphäre selbst in die Hand zu nehmen, und ich konnte lange Zeit nicht verstehen, warum“, sagt Magnus, der bei Schillings mit Cyber- und Informationssicherheitsspezialisten, Risikoberatern und Informationssammlern zusammenarbeitet, um einen Rundumservice anzubieten. „Mittlerweile glaube ich, es ist eine Kombination aus Naivität, Angst – die Leute wollen gar nicht so genau wissen, was es da draussen gibt, aus Angst vor dem, was sie herausfinden könnten – und Fatalismus ist. Viele Menschen zucken mit den Schultern und sagen, ein Mangel an Privatsphäre sei der Preis, den wir für das Leben in dieser vernetzten Welt zahlen müssten, und es gebe nichts, was sie dagegen tun könnten.“ Sobald die Kunden jedoch aktiv werden, ist die vorherrschende Reaktion Erleichterung. „Es gibt, bildlich gesprochen, keinen Blick über die Schulter mehr. Was wir wirklich tun, ist, den Menschen ihre Kontrolle und Autonomie zurückzugeben.“

Magnus nutzt die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) – die auf alle Informationen anwendbar ist, die alt und daher unzuverlässig sind – um zu versuchen, sie aus dem öffentlichen Raum zu entfernen. Er kontextualisiert auch zutreffende Informationen. „Wenn Sie Informationen nicht entfernen können, z. B. ein Kunstwerk, das im öffentlichen Vermögensverzeichnis aufgeführt ist, dann würde ich dazu raten, es in eine Erzählung einzubetten. Die Kunden können darüber nachdenken, wie sie auf der Grundlage der Informationen eine zutreffende Geschichte über ihre Entscheidungen erzählen können. Wenn eine Familie ein Unternehmen besitzt, dann könnten wir auf der Website einen Abschnitt über die Geschichte des Unternehmens einfügen und erklären, wie die Gewinne zum Sammeln von Kunst verwendet wurden.“

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Andere präventive Massnahmen, zu denen Magnus rät, könnten sich auf die Planung von Kauf oder Renovierung einer Immobilie beziehen, etwa Auftragnehmer aufzufordern, Vertraulichkeitserklärungen zu unterschreiben, das Gebäude auf Wanzen zu untersuchen und die Mitarbeiter in den sozialen Medien zu kontrollieren. Ein weiteres Beispiel, das er nennt, ist der Ansturm auf soziale Medien seitens Menschen, die Kinder an ihrem ersten Schultag fotografieren, wie es vor ein paar Jahren geschah. „Viele Nannys und Au-pair-Mädchen haben das gemacht, ohne zu wissen, dass sie damit sensible private Informationen preisgeben“, erinnert er sich. „Es geht nicht darum, jemanden zu bestrafen, wenn er die Privatsphäre verletzt hat, sondern darum, ihn dafür zu sensibilisieren.“

Rahaf – für die ein erfüllteres Leben eine Willensfrage ist – empfiehlt einige grundlegende „digitale Hygienepraktiken“, darunter die Überprüfung von App-Berechtigungen, die Verwendung eines Passwortmanagers und den Blick auf Websites wie Terms of Service Didn't Read, die einen Überblick über die Nutzungsbedingungen verschiedener Unternehmen geben. „Zum Erwachsenwerden gehört, Aufgaben wie das Bezahlen unserer Rechnungen zu erledigen. Angemessene Cybersicherheit muss in Zukunft ebenfalls dazugehören. Wir müssen uns aktiv um unsere Privatsphäre kümmern und die schwer zu findenden Opt-Out-Funktionen nutzen“, sagt sie.

Um es deutlich zu sagen: Die Flucht vor allem, was digital ist, ist keine Lösung. Damit kann man sogar mehr Schaden anrichten als Nutzen stiften. Zu den Dingen, die wir unseren Kunden im Rahmen von „Privacy by Design“ empfehlen, gehört es, einen Account bei Twitter und Facebook anzulegen und die Domains mit dem eigenen Namen zu kaufen. Wenn draussen keine Informationen über Sie verfügbar sind, entsteht ein Vakuum, in das unzuverlässiges Material einschiesst, um es zu füllen. Wenn Sie die Informationen kontrollieren, kontrollieren Sie auch Ihre Privatsphäre“, sagt Magnus. „Ein erfüllteres Leben ist ein freieres Leben. Letztlich geht es bei der Freiheit um Wahlmöglichkeiten, und je mehr Privatsphäre man hat, desto mehr Wahlmöglichkeiten hat man.“ 

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Magnus Boyd
Magnus Boyd ist Partner bei Schillings, einer internationalen Beratungsfirma für Reputation und Privatsphäre. Er schützt die Reputation von Einzelpersonen und Unternehmen, indem er Kunden dabei hilft, mit unerwünschter Medienaufmerksamkeit umzugehen – Fehlinformationen zu unterbinden, sich gegen Verleumdungen zu schützen oder sicherzustellen, dass private Informationen tatsächlich privat bleiben. Er arbeitete bereits in den frühen Zweitausenderjahren für die Kanzlei, bevor er 2015 wieder als Partner einstieg. 
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Rahaf Harfoush
Rahaf Harfoush ist Strategin, Digital-Anthropologin und Bestsellerautorin, die an den Schnittstellen zwischen neuer Technologie, Innovation und digitaler Kultur forscht. Sie ist geschäftsführende Direktorin des Red Thread Institute of Digital Culture und lehrt Innovation & Emerging Business Models am Programm Masters of Economics and Finance der Sciences Po in Paris. 
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Für Marketing- und Informationszwecke von Quintet Private Bank (Schweiz) AG. Der Inhalt dieses Beitrags gibt die Autorenmeinung am Erscheinungsdatum wieder und kann sich ändern. Ausserdem ist er allgemeiner Natur und stellt keine Rechts-, Finanz-, Steuer- oder Anlageberatung dar.