Kompetenzlücken bei der Nachhaltigkeit

Kompetenzlücken bei der Nachhaltigkeit

Unternehmen verinnerlichen weltweit das Thema Nachhaltigkeit, finden jedoch häufig kaum Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit entsprechenden Fähigkeiten. Auch in der Schweiz ist dies ein Umstand. Ein Versuch, diese Lücke zu schliessen.

Von James Purcell

Das Thema Nachhaltigkeit ist zweifelsohne in Mode. 

Im zweiten Quartal 2020 floss ein Rekordvolumen von 60 Milliarden Euro in nachhaltige Anlagen. Die Europäische Union forciert derzeit das Vorhaben, die Klimaneutralität bis 2050 für alle Mitgliedstaaten verbindlich festzuschreiben, und der US-Präsidentschaftskandidat Joe Biden verkündete einen ehrgeizigen, mehrere Billionen US-Dollar schweren Plan zur Bekämpfung des Klimawandels. Angesagt ist auch fair produzierte Kleidung, und der globale Markt hierfür wird 2023 nach Schätzungen einen Wert von mehr als 8 Milliarden Euro erreichen.”

Als jemand, der in der Schweiz ansässig ist und sich beruflich mit der Verwaltung nachhaltiger Anlagen befasst, freue ich mich über solche Trends. Allerdings habe ich als Kontrapunkt auch Bedenken hinsichtlich der Umsetzung der Nachhaltigkeit: Haben wir die Fähigkeiten, um diese grossen Ideen zum Leben zu erwecken?

An Unternehmen, die ihre Nachhaltigkeitsmerkmale verbessern möchten, herrscht jedenfalls kein Mangel. Eine flüchtige Suche auf LinkedIn ergibt unter „Nachhaltigkeit“ 68'000 offene Stellen. Auch wenn unter „Banking“ drei Mal so viele offene Stellen aufgeführt sind, sind es dennoch 7'000 mehr als unter „Öl“.

In der Schweiz - wo die Arbeitslosigkeit niedrig bleibt und der Arbeitsmarkt angespannt ist - zeigt LinkedIn über 600 aktuelle nachhaltige Stellenangebote, während Glassdoor etwa 250 Stellenangebote auflistet. Gemäss der Lohnskala, die Gehaltsbenchmarks liefert, kann ein Nachhaltigkeitsmanager in der Schweiz mit einem durchschnittlichen Jahresgehalt von rund 120'000 CHF rechnen. 

Wenn Nachhaltigkeit kein derart angesagtes Thema wäre, würden viele dieser Stellen einfach nicht existieren. Man sollte bedenken, dass mittlerweile rund 11 Millionen Menschen weltweit im Sektor der erneuerbaren Energien tätig sind, und Tesla, der aktuelle Börsenliebling im Nasdaq, beschäftigt bereits mehr als 50‘000 Mitarbeiter.

Darüber hinaus gibt es einen Boom bei Arbeitsplätzen mit „sozialem Bewusstsein“, darunter Aufgaben wie z. B. Arbeitsplatzberater, „Head of Happiness“ und sogar Intimitätsexperten für Dreharbeiten in Hollywood. #MeToo und #BlackLivesMatter sind nicht nur enorm wichtige Bewegungen, die versuchen, das Bewusstsein zu steigern und einen umfassenden Wertewandel herbeizuführen, sie schaffen zunehmend auch lohnende berufliche Perspektiven.

Doch welche Fertigkeiten sind für all diese neuen Aufgabenfelder erforderlich? 

Die meisten der heutigen Unternehmensleiter machten ihren Abschluss vor 20 bis 30 Jahren in einer Zeit, in der ExxonMobil nach Marktkapitalisierung das größte Unternehmen der Welt war. Da führende Universitäten wie beispielsweise Oxford, Cambridge und Harvard erst vor kurzem Studiengänge für Nachhaltigkeit eingerichtet haben – und dass Institutionen wie die auf Nachhaltigkeit ausgerichteten SUMAS hier in der Schweiz erst vor weniger als einem Jahrzehnt entstanden sind – gibt es insbesondere auf Führungsebene eine erhebliche Kompetenzlücke. 

Die Generation der jetzigen Erstsemester an den Universitäten (die über Zoom oder mit aufgesetzter Maske studieren) wird in grösserer Zahl Studiengänge zum Thema Nachhaltigkeit absolvieren als jemals zuvor. Zur Überbrückung der gegenwärtigen Lücke müssen sich „konventionelle“ Arbeitnehmer auf Aufgaben im Nachhaltigkeitsbereich umstellen. 

In diesem Bereich besitze ich einige Erfahrung: Ich gab meine Karriere im Research für Hedgefonds, Private Equity und Derivate, die häufig als Antithese zur Nachhaltigkeit gelten, auf, um mich auf nachhaltige Anlagen zu konzentrieren. Ich tat dies, weil ich in meiner Arbeit eine tiefere Bedeutung suchte, weil sich das Risiko des Spurwechsels in Zukunft auszahlen dürfte und, sehr wichtig, weil meine Vorgesetzten mich dabei unterstützten. 

Mittlerweile erhalte ich zahlreiche Bewerbungen interessanter Menschen mit großer Erfahrung in der Finanzdienstleistungsbranche, in aller Regel jedoch mit nur geringem Bezug zu Nachhaltigkeit. Wer sich von der Masse abhebt, hat tendenziell einen persönlichen Sinneswandel vollzogen und Führungskräfteseminare zu Nachhaltigkeitsthemen besucht. 

Diese Menschen sind ein bewundernswertes Beispiel. Wir müssen anderen, die keine spezielle Ausbildung oder Erfahrung haben, helfen, indem wir auf viel breiterer Basis die entsprechenden Weiterbildungen verfügbar machen. Diese Kurse sollten relativ kurz sein und wesentliche Inhalte mit Praxisbezug vermitteln.

Das Thema Nachhaltigkeit ist gross in Mode, und es besteht eine erhebliche Kompetenzlücke. Daher können Unternehmensleiter und Stellenbewerber erheblichen Wert schaffen, wenn sie ihre einzigartige Branchenerfahrung mit entsprechenden Weiterbildungen kombinieren. Oder wie die Modelegende Coco Chanel einmal sagte: „Um unersetzlich zu sein, muss man stets anders sein.“

James Purcell, Group Head ESG, Quintet Private Bank
Über den Autor
James Purcell ist als Group Head of Sustainable Investment bei Quintet Private Bank in Zürich tätig, das die von den Vereinten Nationen geförderten Prinzipien für verantwortliches Investieren unterzeichnet hat und Mitglied der Initiative „Climate Action 100+“ ist.
Für Marketing- und Informationszwecke von Quintet Private Bank (Schweiz) AG. Der Inhalt dieses Beitrags gibt die Autorenmeinung am Erscheinungsdatum wieder und kann sich ändern. Ausserdem ist er allgemeiner Natur und stellt keine Rechts-, Finanz-, Steuer- oder Anlageberatung dar.